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Ich hatte eigentlich alles im Griff. Bis ich es nicht mehr hatte.

nicolehellinger
vor 16 Stunden
4 Min. Lesezeit

Ich war schon immer jemand, der funktioniert hat. Wahrscheinlich sogar ziemlich gut.


Fast 20 Jahre habe ich im Personalbereich gearbeitet, Verantwortung übernommen, Probleme gelöst, organisiert, Gespräche geführt und mich um die Themen anderer Menschen gekümmert. Psychologie und Kommunikation haben mich dabei schon immer interessiert. Ich wollte verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln, warum manche Situationen uns so triggern und warum wir manchmal ganz genau wissen, was uns nicht guttut – und es trotzdem immer wieder tun.


Was ich dabei lange ziemlich gut konnte: bei anderen hinschauen.

Bei mir selbst war das schwieriger.


Ich hatte Jobs, Beziehungen, ein Zuhause, Pläne. Von außen gab es wenig Grund zu sagen: Da stimmt grundsätzlich etwas nicht. Und trotzdem gab es immer wieder dieses Gefühl, dass ich mein Leben zwar ziemlich gut auf die Reihe bekomme, aber mich selbst darin nicht immer wirklich finde.


Ich habe viel im Außen gesucht. Nach Sicherheit, nach Bestätigung und auch nach Antworten. Und wenn etwas nicht gepasst hat, habe ich meistens erst einmal versucht, noch ein bisschen besser zu funktionieren.

Bis das irgendwann nicht mehr ging.


Mein Burnout war kein magischer Wendepunkt


Wenn ich heute sage, dass mein Burnout ein Wendepunkt in meinem Leben war, klingt das im Nachhinein fast schöner, als es tatsächlich war.


Da war nicht plötzlich diese große Erkenntnis: Ah, wunderbar, jetzt weiß ich endlich, wer ich bin und was ich mit meinem Leben anfangen möchte.

Ganz im Gegenteil.


Ich war erschöpft. Ich kannte mich so nicht. Und natürlich wollte ich zunächst vor allem eins: dass es wieder weggeht.


Heute weiß ich, dass genau dieses „Es muss wieder weg“ ziemlich gut zu mir gepasst hat. Problem erkennen, Lösung finden, weitermachen.

Nur war das dieses Mal nicht die Lösung.


Ich musste mich mit Dingen beschäftigen, denen ich vorher ziemlich gut ausweichen konnte. Warum brauche ich so viel Sicherheit? Warum ist mir die Meinung anderer so wichtig? Was will ich eigentlich selbst? Und woran merke ich überhaupt, ob eine Entscheidung wirklich meine ist – oder ob ich sie treffe, weil sie vernünftig, sicher oder für andere nachvollziehbar ist?

Das war nicht immer angenehm. Aber es war wichtig.


Ich musste mich nicht neu finden. Ich musste aufhören, mich ständig zu übergehen.


„Sich selbst wiederfinden“ klingt für mich immer ein bisschen danach, als wäre irgendwo eine fertige Version von uns verloren gegangen, die wir nur lang genug suchen müssen.


So habe ich es nicht erlebt.

Bei mir ging es viel mehr darum, mich überhaupt wieder ernst zu nehmen. Meine Bedürfnisse. Mein Gefühl. Meine Grenzen. Auch die Dinge, die vielleicht nicht besonders vernünftig aussehen, sich für mich aber trotzdem richtig anfühlen.


Und ich musste lernen, dass ich nicht für jede Entscheidung vorher die Garantie bekomme, dass sie richtig ist.


Das war für jemanden, der gerne Kontrolle hat, natürlich eine besonders charmante Erkenntnis.


Ich kann heute zwanzig Menschen nach ihrer Meinung fragen und danach immer noch nicht wissen, was für mich richtig ist. Irgendwann muss ich selbst entscheiden.


Und genau da beginnt für mich Selbstvertrauen inzwischen überhaupt erst.

Nicht bei: Ich weiß, dass nichts schiefgehen wird.


Sondern eher bei: Ich vertraue mir zu, dass ich damit umgehen kann, wenn es anders kommt als gedacht.


Warum daraus irgendwann auch mein beruflicher Weg wurde


Psychologie hat mich schon lange vor meinem Burnout interessiert. Durch meine Arbeit im Personalbereich sowieso, später auch durch mein Studium der Wirtschaftspsychologie.


Aber durch meine eigene Geschichte hat sich mein Blick darauf verändert.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man sehr viel nachdenkt und trotzdem nicht weiterkommt. Wenn man eigentlich merkt, dass etwas nicht mehr passt, aber noch nicht weiß, was stattdessen kommen soll. Und ich weiß auch, wie verlockend es ist, jemanden zu suchen, der einem einfach sagt, was man jetzt machen soll.


Genau das möchte ich in meinem Coaching aber nicht tun.

Ich möchte Menschen nicht erklären, wie sie leben sollen. Meine Geschichte ist meine Geschichte. Meine Entscheidungen wären nicht automatisch die richtigen für einen anderen Menschen.


Mich interessiert vielmehr: Was steckt bei dir dahinter? Was wiederholt sich? Was brauchst du? Was hält dich zurück? Und was wäre ein Schritt, den du tatsächlich gehen kannst?


Meine persönliche Erfahrung gehört zu mir und natürlich prägt sie auch die Art, wie ich Menschen begegne. Für eine professionelle Begleitung reicht persönliche Erfahrung für mich aber nicht. Deshalb verbinde ich heute meine langjährige Arbeit mit Menschen, mein Studium der Wirtschaftspsychologie und meine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie.


Ich möchte nicht nur mitfühlen können. Ich möchte verstehen, was ich tue.


Persönliche Entwicklung heißt für mich vor allem: ausprobieren


Ich glaube, wir können uns wahnsinnig viel über uns selbst erklären und trotzdem exakt dort stehen bleiben, wo wir vorher waren.

Das kenne ich selbst gut genug.


Du kannst verstehen, warum du Schwierigkeiten mit Grenzen hast. Du kannst wissen, woher dein Wunsch nach Anerkennung kommt. Du kannst drei Bücher über Selbstvertrauen lesen und fünf Podcasts über das Nervensystem hören.

Alles wertvoll.


Aber irgendwann kommt der Teil, den dir keiner abnehmen kann.

Du musst ausprobieren, was passiert, wenn du tatsächlich Nein sagst. Wenn du eine Entscheidung triffst, obwohl nicht alle sie verstehen. Wenn du deine Bedürfnisse aussprichst. Wenn du etwas machst, bevor du dich zu 100 Prozent bereit fühlst.


Und dann machst du eine Erfahrung.

Genau daraus entsteht für mich Selbstwirksamkeit.


Nicht daraus, dass ich mir morgens zehnmal sage, dass ich an mich glaube, sondern daraus, dass ich erlebe: Ich kann etwas verändern. Ich kann für mich einstehen. Ich kann eine Entscheidung treffen. Und ich kann auch damit umgehen, wenn nicht alles perfekt läuft.


Heute ist auch nicht plötzlich alles leicht


Ich bin nicht irgendwann aufgewacht und war geheilt von Kontrolle, Zweifeln und dem Wunsch nach Sicherheit.


Ich denke immer noch viel. Ich hinterfrage Dinge. Manchmal will ich eine Antwort am liebsten gestern haben und manchmal würde ich gerne vorher wissen, wie eine Geschichte ausgeht, bevor ich mich überhaupt darauf einlasse.

Der Unterschied ist: Ich richte mein Leben nicht mehr komplett danach aus.

Ich habe in den letzten Jahren Entscheidungen getroffen, vor denen ich früher wahrscheinlich ewig zurückgeschreckt wäre. Manche davon waren richtig gut. Andere haben mich etwas gelehrt. Und bei einigen weiß ich bis heute nicht, wo sie mich irgendwann hinführen werden.


Aber mein Leben fühlt sich inzwischen wesentlich mehr nach meinem an.

Nicht, weil ich endlich alle Antworten gefunden habe.


Sondern weil ich aufgehört habe zu glauben, dass ich sie irgendwo da draußen finden muss.


Und wenn ich aus meiner Geschichte einen Gedanken mitgeben möchte, dann wahrscheinlich diesen:


Du musst nicht erst vollkommen sicher sein, bevor du losgehst. Manchmal entsteht die Sicherheit erst dadurch, dass du losgehst und merkst, dass du dir selbst vertrauen kannst.


deine Nicole

 
 
 

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